Kaltverfestigung im Zugversuch nachgewiesen: So steigt die Festigkeit von Bauteilen

Mehr Festigkeit ohne zusätzlichen Prozessschritt:

Kaltverfestigung macht's möglich – und der Zugversuch liefert den Beweis.

In diesem Beitrag erklärt Thomas Heimlich (Technische Beratung / Verkauf) von MN Kaltformteile, wie sich die Wirkung der Kaltverfestigung im Zugversuch nachweisen lässt und wie Sie das Verfahren nutzen können, um Ihre Bauteile leichter, günstiger und langlebiger zu fertigen.

Thomas Heimlich
Thomas Heimlich
Technische Beratung / Verkauf

✅ Ausbildung zum Werkzeugmechaniker, Dipl.-Ingenieur Maschinenbau/Produktionstechnik

✅ Jahrzehntelange Praxis in der Kaltumformung, u. a. als Betriebsleiter, seit 2010 bei MN

✅ Technische Kundenprojekte & Produktentwicklung in Großserie als Tagesgeschäft

Kaltverfestigung gezielt nutzen

Höhere Festigkeit ohne zusätzliche Wärmebehandlung

Viele Konstrukteure stehen bei der Bauteilauslegung vor denselben Herausforderungen:

  • Wie lassen sich Bauteile leichter auslegen?
  • Wie können Materialkosten reduziert werden?
  • Wie können Bearbeitungsschritte entfallen?
  • Wie lässt sich der CO₂-Fußabdruck senken?
  • Wie kann die Lebensdauer eines Bauteils erhöht werden?

Eine häufig unterschätzte Möglichkeit bietet die gezielt eingesetzte Kaltverfestigung während der Kaltmassivumformung.

Bereits während der Herstellung kann die Festigkeit eines Bauteils ohne zusätzliche Wärmebehandlung erheblich gesteigert werden. Wie deutlich, lässt sich im Zugversuch messen und in der Fließkurve ablesen. Dazu weiter unten mehr.

Welche Vorteile bietet die Kaltverfestigung?

Durch die plastische Umformung entstehen Versetzungen im Kristallgitter des Werkstoffs. Diese Versetzungen behindern sich gegenseitig in ihrer Bewegung und es kommt zur Festigkeitszunahme – der eigentlichen Kaltverfestigung des Gefüges.

Für den Anwender ergeben sich daraus zahlreiche Vorteile.

Gewicht reduzieren

Steigt die Festigkeit eines Bauteils durch Kaltverfestigung, können Querschnitte oftmals kleiner ausgelegt werden. Dadurch lassen sich

✅ Material einsparen
✅ Bauteile leichter ausführen
✅ bewegte Massen reduzieren

Gerade im Automobilbau, Maschinenbau oder in elektrischen Antrieben trägt jedes eingesparte Gramm zur Verbesserung der Gesamtperformance bei.

Materialkosten senken

Durch die gezielte Nutzung der Kaltverfestigung kann häufig

✅ ein kleinerer Durchmesser
✅ weniger Material
✅ oder sogar eine günstigere Werkstoffgüte
eingesetzt werden.

Dadurch sinken sowohl Material- als auch Fertigungskosten.

Bearbeitungsschritte vermeiden

Viele Bauteile werden nach dem Drehen oder Fräsen zusätzlich vergütet. Durch eine intelligente Auslegung der Kaltumformung und gezielte Kaltverfestigung können diese Prozessschritte teilweise entfallen. Dies reduziert:

✅ Wärmebehandlung
✅ Transport
✅ Energieverbrauch
✅ Prozesszeit
✅ Qualitätsrisiken

CO₂-Emissionen reduzieren

Jeder entfallene Fertigungsschritt spart Energie. Besonders energieintensiv sind:

✅ Vergüten
✅ Galvanische Oberflächen
✅ Materialabtrag (spanende Bearbeitung)
✅ Reinigung

Die Kaltmassivumformung nutzt das vorhandene Material nahezu vollständig aus – die Kaltverfestigung entsteht dabei als Nebeneffekt der Umformung, nicht als zusätzlicher Prozessschritt. Materialverluste werden erheblich reduziert. Dies verbessert den gesamten CO₂-Footprint des Bauteils.

Höhere Lebensdauer

Durch die Kaltverfestigung verbessert sich insbesondere die Randzone eines Bauteils. Die Vorteile:

✅ höhere Oberflächenhärte
✅ bessere Verschleißfestigkeit
✅ höhere Dauerfestigkeit
✅ Rissbeständigkeit

Insbesondere dynamisch belastete Bauteile profitieren von dieser Festigkeitssteigerung.

Wie entsteht die Kaltverfestigung – und wie zeigt sie sich im Zugversuch?

Bei der Kaltmassivumformung wird das Material unterhalb seiner Rekristallisationstemperatur plastisch umgeformt. Dabei entstehen zahlreiche Versetzungen im Kristallgitter. Diese Versetzungen behindern sich gegenseitig. Das Ergebnis:

  • höhere Streckgrenze
  • höhere Zugfestigkeit
  • höhere Härte
  • verbesserte Verschleißfestigkeit

Die Kaltverfestigung entsteht also automatisch während der Umformung und kann gezielt über den Fertigungsprozess beeinflusst werden.

Je stärker das Metall kalt umgeformt wird, desto höher sind Festigkeit und Härte – aber desto geringer sind Dehnbarkeit und Zähigkeit.

Kann die Kaltverfestigung gezielt eingestellt werden?

Ja. Die im Zugversuch nachweisbare Festigkeitssteigerung durch Kaltverfestigung hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab:

Werkstoff

Drahtqualität

Drahtabzug

Umformgrad

Stadienfolge

Werkzeugauslegung

Bereits bei der Bauteilauslegung können Simulationen zeigen, in welchen Bereichen eine gezielte Kaltverfestigung entsteht. Grundlage für das Verständnis dieses Zusammenhangs ist die Fließkurve des jeweiligen Werkstoffs.

Bedeutung der Fließkurve

Was die Fließkurve aus dem Zugversuch über die Kaltverfestigung zeigt

Die Fließkurve steigt mit zunehmendem Umformgrad an. Das bedeutet: Je stärker das Material umgeformt wird, desto höher ist die eingebrachte Kaltverfestigung sowie die benötigte Presskraft für die Umformung.

Bereits bei kleinen Umformgraden „Phi“ erhöht sich die Spannung „N/mm²“ deutlich.

Für die Praxis der Kaltumformung bedeutet das: Bei zunehmender Umformung steigen die benötigten Presskräfte, Werkzeugbelastungen und Anforderungen an die Schmierung innerhalb des Umformprozesses.

Interpretation der Fließkurve

Das Material C4C zeigt in dieser Fließkurve ein deutliches Kaltverfestigungsverhalten. Mit zunehmender Umformung werden im Gefüge mehr Versetzungen aufgebaut, die sich gegenseitig behindern. Dadurch steigt die Spannung (N/mm²) deutlich an. Die Kurve zeigt einen gleichmäßigen, abflachenden Anstieg, was für gängige kaltumformbare Stähle typisch ist.

Kaltverfestigung: Fließkurve aus dem Zugversuch: Spannung in N/mm² über Umformgrad Phi für Werkstoff C4C
Grafik zur Kaltverfestigung

Y-Achse: N/mm²

Die senkrechte Achse ist mit N/mm² beschriftet. Dies ist die Einheit der Spannung – dieselbe Kenngröße, die bereits im Zugversuch für Streckgrenze und Zugfestigkeit ermittelt wird. Sie gibt an, welche Kraft pro Quadratmillimeter Querschnittsfläche notwendig ist, damit der Werkstoff plastisch verformt. 1 N/mm² entspricht 1 MPa.

X-Achse: Phi

Phi, meist geschrieben als φ, bezeichnet den Umformgrad. Er beschreibt, wie stark das Material umgeformt wurde. Ein kleiner Phi-Wert bedeutet geringe Umformung, ein großer Phi-Wert bedeutet starke Umformung.

Was die Kaltverfestigung für Konstrukteure bedeutet

Bereits in der Entwicklungsphase sollte nicht nur der Werkstoff betrachtet werden. Ebenso entscheidend sind:

  • Bauteilgeometrie
  • Lastfälle
  • Kraftfluss
  • Umformgrad
  • Herstellprozess

Nur wenn Konstruktion und Fertigung gemeinsam betrachtet werden – abgestimmt auf die Erkenntnisse aus Zugversuch und Fließkurve – lässt sich das Potenzial der Kaltverfestigung vollständig nutzen.

Wir unterstützen Sie gerne dabei, die Vorteile der Kaltumformung und gezielten Kaltverfestigung auch in Ihren Anwendungen umzusetzen. Unser Team steht Ihnen dafür jederzeit gern zur Verfügung.

Relevante Normen für Kaltverfestigung und Zugversuch

Die Kaltverfestigung selbst ist nicht in einer einzelnen Norm geregelt. Sie wird jedoch durch zahlreiche Werkstoff- und Prüfstandards beeinflusst – allen voran den Zugversuch. Für die Entwicklung kaltumgeformter Bauteile sind insbesondere folgende Normen relevant:

Norm Bedeutung
DIN EN 10263 Stähle für Kaltstauch- und Kaltfließpressanwendungen
DIN EN ISO 6892-1 Zugversuch zur Ermittlung von Streckgrenze und Zugfestigkeit
DIN EN ISO 6507 Vickers-Härteprüfung
DIN EN ISO 6508 Rockwell-Härteprüfung
DIN EN ISO 6506 Brinell-Härteprüfung
DIN EN ISO 7438 Biegeversuch metallischer Werkstoffe
VDI 2230 Systematische Berechnung hochbeanspruchter Schraubenverbindungen
DIN EN ISO 898-1 Mechanische Eigenschaften von Verbindungselementen aus Kohlenstoffstahl und legiertem Stahl
DIN EN 10088 Nichtrostende Stähle (ausgeprägte Kaltverfestigung bei austenitischen Werkstoffen)

Fachliteratur zu Kaltverfestigung und Umformtechnik

Zur Vertiefung eignen sich unter anderem:

  • Schuler – Grundlagen der Umformtechnik
  • Lange – Umformtechnik
  • VDI – Handbuch Umformtechnik

Fazit: Es lohnt sich die Kaltverfestigung gezielt zu nutzen

Richtig genutzt, kann die Kaltverfestigung bereits in der Konstruktionsphase dazu beitragen, Bauteile leichter, belastbarer und wirtschaftlicher auszulegen. Der Zugversuch und die daraus abgeleitete Fließkurve machen sichtbar, wie deutlich die Festigkeit durch Kaltverfestigung tatsächlich steigt, und liefern so die entscheidende Datengrundlage, um dieses Potenzial gezielt einzuplanen. Gleichzeitig lassen sich Materialeinsatz, Bearbeitungsschritte und energieintensive Wärmebehandlungen reduzieren. Das verbessert nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern unterstützt auch die Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks über den gesamten Fertigungsprozess.

Jetzt Kontakt aufnehmen

Bereit, die Festigkeit Ihrer Bauteile durch Kaltverfestigung zu steigern?

Ob Zugversuch, Fließkurve oder konkrete Bauteilauslegung – bei Fragen rund um die gezielte Kaltverfestigung stehen wir Ihnen als Ansprechpartner zur Seite. Schildern Sie uns kurz Ihr Vorhaben, und wir sagen Ihnen, ob und wie sich Material, Gewicht oder Bearbeitungsschritte bei Ihnen einsparen lassen.

– Thomas Heimlich, Technische Beratung / Verkauf

Portrait von Thomas Heimlich, Technische Beratung / Verkauf bei MN Kaltformteile

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